Abghenkt
Zur zweiten Stahlberger-CD
Von Stephan Ramming
Heimat? Heimat ist eine Surf-Gitarre auf zwei Tönen, dazwischen die Stimme von Manuel Stahlberger. Die Stimme fragt, was Heimat sei, nachdem sie uns mitgenommen hat in irgendeiner Bahn auf irgendeinen Berg in irgendeine Beiz. Heimat, das ist ein grosses Wort, und indem Stahlberger von der Grösse des Wortes spricht, macht er sich selber klein und ebnet so den Weg, um diese grosse Frage, was Heimat sei, so stellen zu können, dass ihre Peinli...
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Abghenkt
Zur zweiten Stahlberger-CD
Von Stephan Ramming
Heimat? Heimat ist eine Surf-Gitarre auf zwei Tönen, dazwischen die Stimme von Manuel Stahlberger. Die Stimme fragt, was Heimat sei, nachdem sie uns mitgenommen hat in irgendeiner Bahn auf irgendeinen Berg in irgendeine Beiz. Heimat, das ist ein grosses Wort, und indem Stahlberger von der Grösse des Wortes spricht, macht er sich selber klein und ebnet so den Weg, um diese grosse Frage, was Heimat sei, so stellen zu können, dass ihre Peinlichkeit Methode wird. Die Methode nennen wir hier helvetischer Froschperspektiven-Relativismus, zum Beispiel. Denn die Heimat-Frage ist eine umkämpfte Frage, aber sie ist auch verstaubt und altmodisch. Früher haben sich ihr jene Schriftsteller ausgesetzt, in deren Bücher sich Stahlberger im Ausflugsrestaurant verliert. So sitzen am Tisch in der Beiz die immergleichen Alten; Frisch, Dürrenmatt, Meienberg, Nizon, Robert Walser und die anderen - wortlos. Aber sie sitzen nicht nur in der Erzählung von Manuel Stahlbergers Text, sondern ebenso sehr im Echo der Surf-Gitarre, in der Schwingung der Hall-Feder, im Immergleichen der zwei Töne. Stahlberger antwortet der Heimat-Frage mit der Steilheit oder mit dem Alter der Zahnradbahn, mit der Hundedressur im Gittergeviert vor dem Atomkraftwerk. Heimat: Manche sagen Ja, manche sagen Nein. Die Frage - früher hiess sie zum Beispiel „Diskurs in der Enge“ -, sie bleibt. Denn wer heute ernstzunehmende Popmusik macht, schreibt sich immer in die Geschichte ein. Genauer: In diesem wohl nicht zufällig ersten und deshalb auch für „Abghenkt“ programmatischen Lied in die Geschichte der Frage nach der Heimat, aber auch in die musikalische Geschichte, exemplarisch in die Geschichte des Federhall-Twangs der Surf-Gitarre.
Kunst ist auch deshalb ein Risiko, weil sie mehr weiss als sie sagt. Die Künstler Manuel Stahlberger, Christian und Dominik Kesseli, Michael Gallusser und Marcel Gschwend wissen um dieses Risiko, fordern es heraus, spielen mit ihm. Das kann so weit gehen, dass die musikalische Geste bis ins Stadion reicht, wenn die alten 1980er-Jahre-Synthesizer den Teppich ausrollen („Immer wieder use“). Aber auch in den Punk-Proberaum, wenn der Refrain allmählich in einem wunderbar wüsten Gröhlen endet („Öppe d Hälfti“). Zwischen all den musikalischen, von Olifr M. Guz kongenial eingerichteten Weitungen, klingt die immergleiche Temperatur von Stahlbergers Stimme. Denn Manuel Stahlberger, ein Meister der Ostschweizer Mundart, ist auch auf dem zweiten Album „Abghenkt“ der Wörter-Sucher (und -Finder!), wie er im Gespräch einmal sagt. Und so erzählen die Geschichten des Wörter-Würflers Stahlberger eben nicht nur vom Beobachteten, sondern vom Beobachten - dann, wenn vom immer wieder Rausgehen die gesungene Rede ist, von den Selbstverständlichkeiten des Sichtbaren, vom sogenannten Alltag. Das findet auf „Abghenkt“ nun nicht mehr vor allem in wortspielerischen Pointen Auflösung; rettet etwa im Lied „Hudelmoos“ auf dem ersten Album „Rägebogesiedlig“ eine Kindheitserinnerung den todtraurigen Herbstspaziergang, haben sich die beiden Menschen mit Handschuhen - „zwei Mentsche mit Hentsche“ - im neuen Lied „Schnee“ nichts mehr zu sagen; da ist nur noch stummer Frost. Denn im Sichtbaren, dem Beobachteten, schlummert nicht mehr nur die Beiläufigkeit des Absurden, sondern auch Bodenlosigkeit, Unheil, Böses. Hunde, die sich selber dressieren? Es sind Hunde, die sich zerfleischen, in diesem Gitter vor dem Atomkraftwerk in „Heimat“.
Auf „Rägebogesiedlig“ gingen Stahlberger am helllichten Nachmittag in den Schrebergarten und feierten eine vergnügte Party, schon damals im Rahmen der Vernunft. Nun gehen Stahlberger auf „Abghenkt“ beim Eindunkeln in den Wald. Es ist feucht und kühl, aber Stahlberger hat ein grosses Feuer angefacht. Wir setzen uns dazu, Wurst und gute Laune haben wir selber mitgebracht. Heimat? Eine Surfgitarre auf zwei Tönen.
Stephan Ramming, 47, war Sänger und Gitarrist von „Der böse Bub Eugen“. Vor 23 Jahren hatte er mit dem Lied „Pirmin“ über den Skirennfahrer Pirmin Zurbriggen einen kleinen Hit. Heute ist er Sportredaktor der „NZZ am Sonntag/Neue Zürcher Zeitung“ und schreibt vor allem über Fussball.
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Rockige Grüsse
Genial, immer wieder lose, wie eicher in den achzigern, präzise auf den Punkt, klar und alles gesagt. Hoffe auf noch viel mehr!
Feine Musik und feine Texte!
ich habe meine rote risa e-ukulele im zug vergessen.
)-:
hi!
Schaut doch mal bei uns vorbei, würde uns freuen! ;) :D
Weiterhin viel Spass und Erfolg! :)
grüüezi manuel
hör mal in unser noies sönglein rein!
grüsse aus rüti nach sanggalä, nik
Gfallt mer sehr guet; esch emmer schön mol öpis anders als bärndütsches Liederguet z ghöre!